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Gemeindehaus: Ausstellungen

Schreiter-Fenster

seit 19.05.2006

Die Marburger Plakate zu den Heidelberger Fensterentwürfen von Johannes Schreiter

Johannes Schreiter (*1930), emeritierter Professor für freie Malerei und Graphik in Frankfurt/Main, ist durch seine Ausstattung historischer und neuer Sakralbauten mit Glasfenstern bekannt geworden. Er gilt neben G. Meistermann, dem Schöpfer u.a. der Westrose in der Marburger Elisabethkirche, als bedeutendster Glasmaler der Gegenwart.

Zu Schreiters berühmtesten Arbeiten zählen die seit 1977 entstandenen 12 Entwürfe für die Neugestaltung der Fenster in Langhaus und Chor der hochgotischen Heiliggeistkirche im Stadtzentrum von Heidelberg. Mit Ausnahme des Physikfensters wurden seine Entwürfe an dem dafür vorgesehenen Ort nicht ausgeführt.

Der Betrachter soll durch Schreiters Entwürfe daran erinnert werden, dass sein christlicher Glaube sich vor Wissenschaft und Technik, vor modernem Denken und zeitgenössischer Kultur behaupten und bewähren muss. Deshalb sind diese Fenster im besten Sinne des Wortes Meditationsbilder.

Nach mehreren Gesprächen mit dem Künstler an seinem Wohnort Langen bei Frankfurt im Frühjahr 2006 hat er sich mit der Herstellung von Plakaten aus dem Zyklus für das Hans von Soden-Haus einverstanden erklärt, von denen vier im Treppenhaus und zwei im Kleinen Saal (Gottesdienstraum) ihren Platz gefunden haben. Die Reihenfolge der Fenster in der ESG entspricht zum Teil der ursprünglichen Anordnung Schreiters.

Wir sind Herrn Prof. Schreiter für sein freundliches Entgegenkommen sehr dankbar.

Dr. Georg Kuhaupt, im Mai 2006

1. Medizinfenster (Treppenhaus)

Oben ist weiß aufleuchtend ein Cardiotocogramm zu sehen, die Aufzeichnung des Herzschlages eines noch ungeborenen Kindes im Mutterleib. Dazu kontrastierend in 8 Streifen übereinander ein echtes Elektrokardiogramm (EKG) eines Sterbenden. Unter dem Kreuzzeichen als Symbol des leiblichen Todes ist das Todesdatum des Theologen, Arztes und Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer, 1965, festgehalten, an der Fensterbasis die chemische Formel für Penicillin. Das Fenster fragt uns nach dem Sinn der einmaligen Zeitspanne unseres Lebens zwischen dem ersten und dem letzten messbaren Schlag unseres Herzens. Auch wenn wir nicht die Bedeutung eines Albert Schweitzers erlangen, jeder kann er selber sein! Die Farbe Blau verweist auf den Ort Gottes am Anfang und am Ende unseres Lebens.

Nicht ohne Grund wurde das Medizinfenster für den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989 als Bildsymbol für die Kirchentagslosung "Unsere Zeit in Gottes Händen" ausgewählt.

2. Biologiefenster (Treppenhaus)

Dargestellt ist die sogenannte Reißverschlussformel (Doppelhelix) als Formel für die chemische Grundsubstanz allen Lebens. Sie besteht aus DNS und RNS, Desoxyribonucleinsäure und Ribonucleinsäure. Nicht das unverwechselbare Leben wie im Medizinfenster, sondern die Formel des Lebens überhaupt wird gezeigt. Das Papier der Spirale bricht allerdings oben ab.Das Biologiefenster fragt uns: Was ist der Mensch mehr als der chemische Code seiner Erbanlagen? Worin bestehen das Wesen und die Freiheit des Menschen? Darf der Mensch in den Bauplan der Schöpfung verändernd eingreifen?

Das ausgeführte Fenster ist heute im Paul Ehrlich-Institut in Langen, einer Einrichtung der Bundesrepublik Deutschland für biomedizinische Forschungen, zu sehen.

3. Physikfenster (Treppenhaus)

Über einem Kugelbild schwebt Albert Einsteins (1879-1955) 1905 entdeckte Formel E = mc2, die die Äquivalenz von Masse und Energie beschreibt. An der Fensterbasis erscheint das Schreckensdatum des ersten Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Darüber liest man eine biblische Unheilsverheißung aus der späten apokalyptischen Literatur des Neuen Testaments: "Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb in der Nacht; an welchem die Himmel vergehen werden mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Werke, die darauf sind, werden verbrennen." (2. Petr 3, 10). Dazu im Kontrast steht das alttestamentliche Wort der unverbrüchlichen Heilszusage Gottes, das Schreiters eigenem Glaubensverständnis entspricht: "[Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen.] Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." (Jes 54, 10)

Der neutestamentliche Vers soll prophetisch an das Selbstvernichtungspotential unserer Gegenwart erinnern. Die Vorbereitungen dazu sind nicht ausschließlich den Kern-Physikern anzulasten, so dass dieser Satz auch in anderen Fenstern seinen Platz gefunden haben könnte, wie überhaupt geistige Pionierleistungen, wie sie in Forschungseinrichtungen und Universitäten erbracht werden, grundsätzlich vor politischem oder wirtschaftlichem Missbrauch nicht gefeit sind.

Das Physikfenster ist als einziges aus dem gesamten Zyklus in der Heiliggeistkirche in Heidelberg zur Ausführung gebracht worden.

4. Musikfenster (Treppenhaus)

Für das Heidelberger Musikfenster hatte Johannes Schreiter zwei Entwürfe hergestellt. Der bekanntere erste Entwurf zeigt Ausschnitte aus Partiturseiten von Johann Cage und Sylvano Bussotti.

Der hier abgebildete, eher unbekannte Alternativentwurf basiert auf einer Partitur des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (*1933). Sein Werk "Magnificat" beginnt mit den Worten des Psalms der Mutter Jesu "Meine Seele erhebt den Herrn" (Lk 1, 46ff.). Das Magnificat gehört liturgisch in die abendliche Gebetszeit der Kirche (Vesper) und wird besonders in der Adventszeit Predigten zugrunde gelegt. Es preist den Gott, der die Mächtigen von ihren Thronen stürzt und die Niedrigen erhebt (Lk 1, 52).

Nicht nur gebrochen, sondern unmittelbar verweist die zeitgenössische Geistliche Musik auf des Menschen Versuch, sich zu Gott in Beziehung zu setzen.

5. Philosophie- und Literaturfenster (Kleiner Saal)

Das Fenster zeigt die Bemühung des menschlichen Geistes im 20. Jahrhundert, das Ganze zu erfassen und die Transzendenz denkerisch zu erfassen. Als Basis erscheint eine Manuskriptseite aus Karl Jaspers (1883-1969) "Die Atombombe und die Zukunft des Menschen", ein Werk, das die NS-Zeit absetzte.

Links sind eine Reihe philosophischer Titel genannt, rechts vorwiegend Romane, Schauspiele und Lyrik.

Im Einzelnen wird auf folgende Werke eingegangen:

  • J.P. Sartre: L'être et le néant (deutsch: Das Sein und das Nichts)
  • O. Spengler: Der Untergang des Abendlandes
  • M. Horkheimer/Th. W. Adorno: Dialektik der Aufklärung
  • Th. W. Adorno: Minima Moralia
  • M. Heidegger: Holzwege
  • L. Wittgenstein: Tractatus Logico-Philiosophicus
  • J. Huizinga: Homo Ludens
  • S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur
  • S. Beckett: Endspiel
  • O.y. Gasset: Aufstand der Massen
  • E.M. Remarque: Im Westen nichts Neues
  • H. Miller: Wendekreis des Krebses
  • A.Camus: La peste
  • A.Döblin: Berlin Alexanderplatz
  • R. Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
  • Th. Mann: Der Zauberberg
  • A.Schmidt: Zettels Traum
  • J. Joyce: Ulysses
  • F. Kafka: Die Verwandlung
  • R.M. Rilke: Duineser Elegien

Oben in Maßwerk erscheinen zwei Bücher des evangelischen Theologen Paul Tillich (1886-1965), "Das Ewige im Jetzt" und "Das neue Sein". In blauen Farben ist als theologischer Bestseller das Werk "Das Heilige" des Marburger Theologen Rudolf Otto (1869-1937) aus dem Jahre 1917 hervorgehoben.

Das Philosophie- und Literaturfenster wurde vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe in Auftrag gegeben und ist dort zu sehen.

6. Seligpreisungs- und Vaterunser-Fenster (Kleiner Saal)

Die Fenster mit den Themen "Seligpreisungen" und "Vaterunser" waren von Schreiter als die zentralen Fenster für den Hohen Chor der Heidelberger Heiliggeistkirche konzipiert worden. Sie werden hier auf einem Plakat wiedergegeben.

Auf den ersten Blick erkennbar ist die sechste der insgesamt acht Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt: "Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen" (Mt 5, 8). Dieses Wort wird hier verbunden mit der Verheißung Jesu an einen der beiden mit ihm auf Golgatha gekreuzigten Verbrecher: "Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" (Lk 23, 42f).

Zwischen beiden Verheißungen sehen wir einen Streifen Blut, wobei einzelne Tropfen über die Seligpreisung rinnen. Das Blut erinnert an den Kreuzestod Jesu Christi, der die Versöhnung zwischen Gott und Mensch möglich gemacht hat.

Bei den beiden Manuskripten in der Bildmitte handelt es sich um eine griechische Handschrift des sogenannten Codex Sinaiticus. Darunter finden wir eine Übertragung dieser Seligpreisung in die hebräische Sprache in Erinnerung daran, dass die von Jesus gesprochene Sprache Hebräisch oder Aramäisch war.

Rechts ist das Vaterunser-Fenster zu sehen. Während die Seligpreisungen Reden des Gottessohnes Jesus Christus sind, so kann der Mensch mit den Worten Jesu auf Gottes Anrede an ihn antworten.

Sofort erkennbar ist die Bitte: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" (Lk 11, 4). Sie ist hier verbunden mit der Bitte Jesu aus der Passionsgeschichte: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe... Und der Schweiß wurde (wie Blutstropfen), die auf die Erde fielen" (Lk 22, 42-44).

Der größte Teil des Fensters wird durch Abbildungen des Vaterunsers in sieben Sprachen eingenommen: Englisch, Eritreisch, Russisch, Chinesisch, Arabisch, Spanisch, Sanskrit. Die Sprachen sind heute Weltsprachen oder erinnern an die alten Hochreligionen. Das Vaterunser wird dadurch gekennzeichnet als ein Gebet, das auch viele Nichtchristen mitsprechen können.